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Ron Engert ist Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift
"Tattva Viveka, Forum für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur". In Ausgabe 6/1998 dieses Magazins rezensierte er ein Buch vonJutta Ditfurthmit dem Titel: "Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus."

Diese Buchbesprechung von Ron Engert ist geeignet, über den konkreten Anlass hinaus einen Beitrag zu dem anstehenden Diskurs zwischen Politik und Neuer Spiritualität zu liefern.


BUCHBESPRECHUNG

"Entspannt in die Barbarei. Esoterik,
(Öko-)Faschismus und Biozentrismus."

Ron Engert, Darmstadt


In dieser Besprechung wird es um einem unangenehmen Zusammenhang gehen, und zwar um den Faschismusvorwurf, den einige linkspolitische Leute gegenüber der Esoterik erheben. Empfindsame Gemüter seien vor den harten Worten gewarnt. Das neue Buch von Jutta Ditfurth, das sich mit dem Zusammenhang von Esoterik und Faschismus beschäftigt, ist für einen esoterisch bzw. spirituell interessierten Leser sehr unangenehm und schwer zu verkraften, ist dieser doch Adressat der schweren Vorwürfe, die Ditfurth erhebt. Ihr Buch ist ein Buch der Diskreditierung und des Hasses. Sie sieht in der Esoterik das Grundübel unserer Gesellschaft, das den Menschen ihre Freiheit und Emanzipationskraft raubt, bezeichnet sie als irrational und menschenfeindlich und hat sich zur Aufgabe gemacht, sie zu bekämpfen und wenn möglich zu vernichten. Die Esoterik ist für Ditfurth der Hort des Faschismus, der Dalai Lama ist der verbrecherische Anführer einer patriarchalen Gelbmützensekte, das Märchenzentrum in Vlotho Sammelpunkt rechtsnationalen Gedankenguts, Silvio Gesell antisemitischer Eugeniker, Vegetarismus menschenverachtend. Die Sprache geht bisweilen unter die Gürtellinie: da spricht sie von dem Sauhaufen der Esoteriker, von Verblödung und ähnlichen Dingen. Wie eine Lawine der Verachtung zieht sie über die Menschen hinweg, denen sie Menschenverachtung nachweisen möchte. Damit ist sie selbst Energielieferant der Verachtungsmaschinerie und typisches Opfer der alten undialektischen Anti-Haltung. Sie hat ihr Feindbild, sie ist gegen etwas, das sie nun mit aller Kraft bekämpft, und da ist es um so besser, je emotionaler und subjektivistischer sie selbst ist.
Die Einsicht in die Relativität des eigenen Verstandes ist nicht vorhanden, ein kritisches Hinterfragen der eigenen Positionen aus dem Bewusstsein heraus, dass man ständig auf der Hut vor unangemessenen subjektiven Urteilen sein muss, findet nicht statt. Da nützen auch die 594 wissenschaftlichen Fussnoten nichts.

Es handelt sich bei dem Buch von Jutta Ditfurth um ein politisches Buch, deshalb wird diese Besprechung grösstenteils politischen Charakter haben. Gleichwohl geht es darum, die Berechtigung und Wichtigkeit spiritueller Kultur herauszustellen und die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Politik und Esoterik zu untersuchen. Wir verweisen in diesem Zusammenhang insbesondere auf drei Artikel in der vorliegenden Ausgabe der Tattva Viveka, die politische Sachverhalte diskutieren: Merete Mattern - Lotus; Sulak Sivaraksa - Für einen radikaleren Buddhismus; Hyemehosts Storm - Der Geist der Erde. Für den emanzipatorischen und befreienden Wert der Spiritualität selbst mag die Tattva Viveka als Ganzes sprechen.

Was teilt uns Ditfurth mit? »Die Esoterik wird in Deutschland wieder einmal gebraucht, um die Köpfe von Millionen Menschen für eine autoritäre Gesellschaft zuzurichten.« (S. 7) Esoterik ist zutiefst antiemanzipativ, Ausbeutung und Elend wird mit Karma gerechtfertigt, es werden Eliten angebetet, man vergöttert sogar höhere Wesen und »bekämpft damit alles, was den Menschen von Ausbeutung und Fremdbestimmung befreien könnte.« (S. 7). Die Verbindung zum Faschismus der Nationalsozialisten wird allenthalben gezogen, waren doch die Nazis diejenigen, die die Esoterik, die Runen, das Neuheidentum für sich entdeckten. Es klingt, als sei die keltisch-germanische Naturreligion erst mit den Nazis entstanden. Die Externsteine, die seit Jahrtausenden ein naturreligiöses Heiligtum sind, werden da zu einem neonazistischen Treffpunkt. Es hört sich für den ahnungslosen Leser an, als sei diese »Kultstätte mystisch-nordischer Strömungen des Neofaschismus« (S. 29) erst von den Nazis zu einem Kultort gemacht worden. Somit ist jeder, der dort hinfährt, ein Nazi. Dies ist definitiv nicht richtig, das Heidentum hat nichts mit Faschismus zu tun, ist viel älter als der Faschismus, und die Neuheiden, die an den Externsteinen feiern, fühlen sich in der Regel durch die bisweilen gleichzeitig dort stattfindenden Neonazitreffen erheblich gestört.

Ditfurth bestimmt: »Es gab zu keinem Zeitpunkt ein ›Neuheidentum‹, das emanzipatorisch gewesen wäre. Anders als die ›Öko-, Jugend- und Musikbewegung‹ ist das Wesen des ›Neuheidentums‹ mit seiner Irrationalität, seinen antihumanen Naturmythen, seinem germanischen Rassismus, seiner völkischen Schwärmerei, seinem Antisemitismus usw. per se antiemanzipatorisch und objektiv ein Baustein für faschistische Ideologien und Konzepte.« (S. 173).

Es ist erschreckend, mit welchem Pauschalismus und Dogmatismus hier Menschen und Kulturen denunziert werden. Bedenkt man noch dazu, dass es sich bei den europäischen Naturreligionen um unsere eigenen kulturellen und geschichtlichen Wurzeln handelt (die eben nicht im Christentum liegen), so muss man sagen, dass sich Ditfurths Argumentation treu in die kirchlich-christliche Progromstimmung einreiht und an der Entfremdung der hiesigen Menschen von ihrer Geschichte mitarbeitet. Letztendlich geht sie soweit, zu behaupten, die Esoterik sei der Ursprung des Nationalsozialismus. »Die Esoterik war eine ideologische und organisatorische Wurzel des NS-Faschismus.« (S. 11) Da wird der Nazismus zur »alten NS-Kostümierung« (ebd.) der Esoteriker, und ihr neues Outfit ist dann erstaunlicherweise das »linksradikaler Militanz und hippiesker Darstellungen« (ebd.). Die Esoterik ist also das Grundübel, das bekämpft werden muss. Die ganze Menschheit ist Opfer der esoterischen Verschwörung.

Es kann nur wiederholt werden: Das stimmt nicht. Die Esoterik ist keine Verschwörung und sie ist nicht faschistisch. Die Esoterik ist per se zunächst unpolitisch, ähnlich der Kunst oder der Naturwissenschaft. Sie steht dem Antagonismus von links und rechts indifferent gegenüber. Es geht ihr um die psychologische Ebene, nicht um die politisch-gesellschaftliche. Man muss sich darüber unterhalten, ob das richtig ist oder ob es nicht der Esoterik genausogut anstehen würde, eine politische Position zu beziehen, wie es für die linke politische Szene notwendig wäre, sich den psychologisch-spirituellen Bereichen zu öffnen. Man kann manchen esoterisch ausgerichteten Menschen vorhalten, dass sich ihre politische Sensibilität so weit verflüchtigt hat, dass sie rechtes, faschistisches Gedankengut nicht mehr als solches erkennen. Solche Verwirrungen gibt es wie überall. Sie sagen nichts über das emanzipatorische und befreiende Potential der Esoterik aus.

Die politische Linke macht den grossen Fehler, das spirituelle Wissen nicht zu integrieren. »Religion ist Opium fürs Volk«, hat Friedrich Engels gesagt. Aber er meinte die Pfaffen und Lehnsherren von Gottes Gnaden im Russland des 18. und 19. Jahrhundert, die die Religion missbrauchten. Die Linke hängt nun an diesen Worten, ohne sich historisch weiterzuentwickeln. Sie vergisst, dass der dialektische historische Materialismus eben die Überwindung des Historismus, der Verewigung zeitweilig gültiger Schlussfolgerungen, ist. Eine politische Dialektik auf der Höhe der Zeit muss vielmehr die aktuelle Situation reflektieren, die sich jetzt in der Integration der psychologischen Seite des Lebens in die politische Haltung ausdrückt. Die alten linken Bewegungen sind nicht an der Dummheit und Faulheit der Bevölkerung gescheitert, wie sie selbst es konstatieren, sondern an dem Umstand, dass sie ihre grossen politischen, kollektiven Forderungen in ihren eigenen Kreisen nicht verwirklicht haben. Eine Frau aus den Arbeitervierteln in Manchester sagte es am klarsten: »Bevor ich grosse Politik mache, muss ich erst einmal vor meiner eigenen Haustür kehren.« Neid, Gewalt, patriarchales Verhalten, Eifersucht, Gier, Machtstreben, Unsensibilität den Bedürfnissen der anderen gegenüber u.ä. sind in den linken Kreisen wesentlich gravierender als in den esoterischen.

Die Faschisten haben die Kraft und die für das Leben essentielle Bedeutung der esoterisch-psychologischen Inhalte, den Glauben, die inneren Werte, das Wesen, erkannt und für sich nutzbar gemacht. Jetzt die Esoterik abzulehnen, weil Hitler sie benutzte, ist ein zweiter später Sieg der Nazis. Dann müsste man auch das Radio ablehnen, denn das hat Hitler auch missbraucht. Solange noch auch nur ein Begriff von den Nazis besetzt ist und deshalb von der antagonistischen Linken emotional und intellektuell abgelehnt wird, ist das ein Sieg der Nazis. Wir müssen uns Gedanken machen über solche Worte wie: »Heimat«, »deutsch«, »Heil«, »Volk«, »Familie« usw. Nicht diese Werte sind faschistisch. Der Faschismus hat sie parasitär besetzt, weil sie wertvoll sind. Wir müssen davon ausgehen, dass ausgerechnet die wichtigsten und wertvollsten Kategorien vom Faschismus und vom Kapitalismus besetzt sind, nicht die wertlosen. Wir können ihnen diese Kategorien nur entreissen, indem wir sie wieder mit der ursprünglichen, dem Leben und den Menschen dienenden Bedeutung verbinden.

»Das Hassobjekt [der Esoterik] ist die soziale Gleichheit und die Freiheit aller Menschen« (S. 8), weiss Jutta Ditfurth zu berichten, denn »Esoterik-Gurus und GentechnokratInnen wollen den Menschen an sein ›genetisches‹ Karma fesseln, er soll vergessen, dass er ein soziales Wesen ist.« (ebd.). Dies ist sicherlich das primitivste Verständnis von Karma, was es überhaupt gibt. »Karma« ist ein Sanskrit-Begriff und bedeutet »Handlung«. Karma beschreibt im Hinduismus und Buddhismus das kausale Gesetz von Ursache und Wirkung, oder, anders formuliert, von Aktion (Handlung) und Reaktion. Auf der kausalen Ebene ist der Mensch immer von den Reaktionen auf seine Handlungen abhängig. Er wird durch die materielle Kausalität gebunden. Dies ist der Verlust der dem Menschen wesensgemässen Freiheit. Ziel des spirituellen Weges ist es, diese Unfreiheit und Gebundenheit an die durch die materielle Kausalität gegebene Determiertheit zu überwinden, d.h. die karmische Ebene hinter sich zu lassen und die Freiheit der spirituellen Ebene zu erreichen.

Das ist im Grunde dieselbe Diskussion, wie sie Marx gegen Hegel ins Feld führt, wobei wir jetzt historisch gesehen in der Dialektik dieses Problems schon ein paar Stufen weiter sind, wie auch an Ditfurth zu sehen ist, die nun die Hegelsche Position vertritt und zugleich meint, das sei Marx. Hegel proklamierte die Freiheit des absoluten Geistes, eine streng idealistische Position. Marx hielt dagegen, dass es materielle Abhängigkeiten gibt, die das Bewusstsein bestimmen, und dass es notwendig ist, diese materiellen Bedingungen (den Unterbau) zu verändern, um das Bewusstsein (den Überbau) zu verändern. Ditfurth bezeichnet nun die Esoterik als mechanischen Materialismus (wegen des Karmas), der die Vernunft und Aufklärung zerstört, und spricht einer linearen Ratio das Wort, die eine unmittelbare Erkenntnis der Wirklichkeit zu ermöglichen scheint. »Diese Aufklärung hat nichts gemein mit kapitalistischer Rationalität, (...) sondern ist eine Rationalität, die die Verhältnisse entmystifiziert und den Menschen den verstandesmässigen Zugang zur Wirklichkeit erlaubt.« (S. 14). Indem sie die Möglichkeit eines direkten verstandesmässigen Zugangs zur Wirklichkeit proklamiert, bewegt sie sich auf dem Boden des mechanischen Idealismus. Diesem fehlt aber im Gegensatz zum dialektischen Materialismus die wissenschaftliche Notwendigkeit der sozialen Revolution, und er vermag Freiheit von Ausbeutung, Demütigung, Fremdbestimmung etc. nur noch als humanistisch-moralisches Bekenntnis zu fordern. Dies konvergiert auch mit ihrer expliziten Forderung nach Humanismus im Schlusskapitel. Hier wird deutlich, dass Ditfurth aus der Klassenposition des Bürgertums schreibt und die eigentliche Klassenlage des Proletariats verkennt.

Darüber hinaus haben bereits Adorno und Horckheimer in ihrer »Dialektik der Aufklärung« (1935) die irrationale Kehrseite der Aufklärung beschrieben: Aufklärung ist die Überwindung der magischen Stufe, ist das Erwachen des Subjekts, das die alte mimetische Einheit mit der Natur aufhebt. Aber somit ist Aufklärung per se bereits auf der Kategorie der Macht und des Sich-Hervorhebens gegründet. »Die Allgemeinheit der Gedanken, wie die diskursive Logik sie entwickelt, die Herrschaft in der Sphäre des Begriffs, erhebt sich auf dem Fundament der Herrschaft in der Wirklichkeit.« (Adorno/Horckheimer, S. 16) Eine noch zu entstehende proletarische Philosophie würde wohl kaum auf diesem Prinzip der Herrschaft/Knechtschaft zu gründen sein. Dieses selbst ist ein bürgerliches Raster.

Damit fällt Ditfurth auch mit ihrer Forderung nach sozialer Gleichheit der Kritik anheim: »Die Horde, deren Namen zweifelsohne in der Organisation der Hitlerjugend vorkommt, ist kein Rückfall in die alte Barbarei, sondern der Triumph der repressiven Egalität, die Entfaltung der Gleichheit des Rechts zum Unrecht durch die Gleichen. (...) Die Abstraktion, das Werkzeug der Aufklärung, verhält sich zu ihren Objekten wie das Schicksal, dessen Begriff sie ausmerzt: als Liquidation.« (Adorno/Horckheimer, S. 15) Ditfurths Buchtitel: »Entspannt in die Barbarei« versucht hoffentlich nicht, an die Arbeit von Adorno/Horckheimer anzuknüpfen. Denn dann hätte sie diese falsch verstanden. Die faschistische Barbarei ist nicht die Abkehr von der Aufklärung, sondern deren Verabsolutierung. Aufklärung als Abkehr von der Esoterik, als Antithese verstanden, perpetuiert und perfektioniert das Elend der mythischen Macht. Ditfurth befindet sich genau in dieser Spur. Ihr Hass auf die Esoterik ist nur die Neuauflage der Menschenverachtung.

Ohne Zweifel, dies muss gesagt werden, herrscht auch in der Esoterik dieses alte Paradigma von Mythos versus Aufklärung noch in weiten Kreisen vor, hier als Rückkehr zur romantischen These des Einklangs mit der Natur und der nur eigenen Befindlichkeit. Dies hat Esoterik mit derjenigen Politik, die die Antithese zu ihr sein will, gemeinsam. Es ist aber sozialwissenschaftlich verfehlt, die Esoterik als den Feind zu erklären. Esoterik fliesst, ebenso wie Politik, in eine neue dialektische Synthese dieser Widersprüche ein.

Es hat sich historisch gezeigt, dass die klassische atheistische Form linker Politik nicht genug Kraft hatte, die Verhältnisse revolutionär zu verändern. Die Ausblendung der dem Volk wichtigen Werte und Kategorien wie z.B. »Volk«, wie z.B. Gemeinschaft stiftende Rituale oder die die Jugendlichen zur Reife bringenden Initiationen, die Abschneidung von Glauben, Zuflucht, Ergebung oder Hingabe ist für einen normal empfindenden Menschen (fast müsste man sagen: Proletarier) total unattraktiv. Der linke bürgerliche Intellektualismus der Negation entlässt den einfachen Menschen in eine sinnentleerte, von Göttern und Archetypen gesäuberte, antiseptische Welt. Aus dem, was er auf den Müll der Geschichte zu werfen vermeint, basteln sich sodann die unverbesserlichen Faschos ihre chauvinistischen Mythen, um den Menschen das zu geben, was sie brauchen: Gefühl, Sprache, Geist, Zuflucht. Das könnte ihnen auch die Linke geben, mit einem progressiven Verständnis, aber da müssten sie die dialektische Synthese machen, die natürlich nicht so einfach ist.

Es bliebe noch vieles zu sagen, beispielsweise über Ditfurths Angriff auf den »Ethnopluralismus«, der für sie nur eine neue Spielart rassistischer, völkischer Ideen ist und sich z.B. in der politisch-esoterischen Arbeit für die Befreiung Tibets (oder auch der Indianer) ausdrückt. Dass in Tibet uraltes spirituelles Wissen von Rotchina verfolgt und viele tausend Geistliche und Anhänger des Buddhismus ermordet wurden, dass China durch den Kahlschlag der Gebirgswälder des Himalaya verheerende ökologische Katastrophen auslöst (z.B. die bereits auftretenden Überschwemmungen in China), davon sagt Ditfurth nichts. Sie ächtet die Religion.

Es ist ein Trauerspiel und glücklicherweise wird Jutta Ditfurth selbst in grossen Teilen ihrer eigenen linksintellektuellen Szene nicht ernst genommen. Es bleibt zu konstatieren, dass Jutta Ditfurth mit dem Hass- und Gewaltpotential, das sie gegen jede Form der Esoterik, aber auch gegen alles und jeden, anstachelt, die positive Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft nur behindert.

In ihrer radikalen Ablehnung autoritärer Konzepte bleibt sie ihnen verhaftet, und was unter allem hindurchscheint, ist eine Abart des Protestantismus, der Terror der sozialen Allgemeinheit. »Die Herrschaft tritt dem Einzelnen als das Allgemeine gegenüber, als die Vernunft in der Wirklichkeit.« (Adorno/Horckheimer S. 23). Das alles macht sie selbst zu einer Gläubigen, und gerade ihre Redlichkeit ist es, die sie reizbar und gefährlich macht.

Wie aber kann man es richtig machen? Der Erkenntnisapparat selbst muss Gegenstand der Beobachtung werden. Bestimmte Prämissen oder Vorurteile prägen die Wahrnehmung. Die selektive Wahrnehmung führt dazu, dass wir alles nur noch durch eine bestimmte Brille sehen. Dies ist bei Ditfurth stark der Fall. So werden auch berechtigte Kritikpunkte ins Fratzenhafte überzogen. Die von Ditfurth anscheinend sogar kultivierte Affekthaltung ist Gift für eine Diskussion. Dies ist die eigene Haustür, vor der man zuerst kehren muss, bevor man andere schulmeistert. Emotionen resultieren beim Menschen zum grössten Teil aus seinen Glaubenssystemen und Werten. Gedankengebäude, die Hass und Aggression erzeugen, müssen als kontraproduktiv zurückgewiesen werden. Es ist manchmal nicht möglich, sich zurückzuhalten, dann ist das in der Situation zu akzeptieren. Insofern ist auch das Buch von Ditfurth ein notwendiger Punkt in der Diskussion. Sie sollte jedoch Rückgrat genug haben, sich der Behelfsmässigkeit solcher Eruptionen bewusst zu sein. Diese Arbeit am eigenen Selbst lernen wir aber in der Esoterik, und das ist das, was Jutta Ditfurth abgeht.

Gerade die zwischenmenschlichen Umgangsformen, das eigene Selbstkonzept, die Bedürfnisse der Seele und alle diese Dinge, die Gegenstand spiritueller Kultur sind, sind enorm wichtig in der Konzeption und dem Aufbau einer neuen die Menschen achtenden Gesellschaft. Der erste Schritt ist die eigene Psyche und der eigene Charakter.

Ich selbst habe jahrelang politische Arbeit in Antifagruppen gemacht. Es hat mich frustriert, dass unter den Freunden und in den Arbeitsgruppen und Plenen die Umgangsformen in völligem Widerspruch zu den politischen Forderungen standen, die an »die anderen« gerichtet wurden, wie z.B. Kollektivität, Konstruktivität, Selbstbestimmung, keine Macht für niemand, keine Unterdrückung, Liebe, Leben etc. Ich kam zu dem Schluss, dass ich erstmal bei mir anfangen muss. Und das sind ganz kleine Schritte, die grosse Wirkung haben, die aber sehr schwer sind. Wie steht es um meinen eigenen Egoismus, um meine Verlogenheit, um mein Besitzdenken, um meinen Machtanspruch? Wie behandle ich Frauen? Wie behandle ich Männer? Wer bin ich? Diese Fragen konnte mir die Politik nicht beantworten, wohl aber das spirituelle Wissen der Völker.

Auf kollektiver Ebene kommt zu alle dem, dass die Menschen wirklich diese Ebene des Geistigen, Religiösen brauchen. Wir können sie nicht einfach wegradieren.

Was wirkt? Die Werbung ist zur Zeit (ausser der Esoterik) der einzige Bereich, in dem noch metaphysische Werte angeboten werden. Deshalb wirkt sie. Deshalb haben auch die Nazis gewirkt. Dies ist keine Befürwortung der Werbung oder der Nazis, im Gegenteil. Aber es ist eine Befürwortung der Metaphysik. Es ist ein philosophischer Irrtum, der sich durch die jüngere europäische Geistesgeschichte zieht, dass die Metaphysik die Ursache der Ideologie sei. Die Metaphysik ist essentieller Bestandteil des Menschen, sie ist es, die ihn von den Tieren abhebt. Sie kann auch in der Form politischer Utopien bestehen. Die Linke muss sich nur darüber bewusst sein, dass es Metaphysik ist. Das ist mit der Beobachtung des eigenen Erkenntnisapparates gemeint.

Wenn die Linke den Menschen die Metaphysik nicht gibt, tut es die Industrie oder der Faschismus. Eine zeitgemässe und fortschrittliche Emanzipationsbewegung muss esoterische und politische Inhalte integrieren, denn eine Entwicklung tut sowohl im Innen als auch im Aussen not. Nur in der Verbindung beider Welten können wir zu einer wirksamen und nachhaltigen emanzipativen Veränderung der Gesellschaft und des Einzelnen gelangen. Beide Lager sollten sich darin einander annähern, denn eigentlich wollen sie dasselbe. Jeder könnte von dem anderen lernen. Solange die Linke und die Esoterik sich bekriegen, sind die Faschisten die lachenden Dritten.

Ronald Engert

In diesem Sinne könnte eine neue Form der Theorie einerseits ein dialektischer Idealismus sein, der sich zwar der grundsätzlichen Freiheit des Menschen bewusst ist (die spiritueller Natur ist), jedoch die äusseren Umstände in Form von gesellschaftlichen und anderen materiellen Bedingungen berücksichtigt (was zu politische Implikationen führt). Andererseits käme dazu ein quantisierter Materialismus, d.h. eine Beschreibung der materiellen Realitäten als Polaritäten, die als zusammengesetzte Einheit wirken.

Wir müssen aus diesem alten Paradigma der Gegensätze und Dualitäten herauskommen. Wir dürfen uns für beides öffnen. Nur so können wir aufhören, Mitläufer im Schema zu sein und endlich zum eigenen Urteilsvermögen gelangen. Die Esoterik gibt uns die psychologischen Werkzeuge an die Hand, die Politik die sozialen. Das Leben ist weder innen noch aussen, es ist die an der Grenze verlaufende Energie. Das Leben ist spirituell-materiell, es ist Licht-Schatten. Es lebt aus der Spannung zwischen den beiden Polen, und wird nur durch seine Haut zu etwas eigenem. So werden wir zu Individuen, und die Kunst besteht darin, es zur Blüte zu bringen, dem Leben zu geben, was des Lebens ist.

ursprünglich erschienen in: Tattva Viveka, Nr.6 , 1998


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