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Quelle: www.integral.transpersonal.de
Auf: www.transpersonal.de

THESEN ZUR
NEUDEUTSCHEN SEELENLAGE

Herausforderung zur wirklichen Wiedervereinigung

Wolfgang Schmidt-Reinecke, Berlin

Vor über 30 Jahren wurde in Südindien das internationale Experiment Auroville ins Leben gerufen. Es hat zum Ziel, unter Beteiligung von Menschen aller Nationen eine neue Stadt zu errichten, die als Modell eines globalen Zusammenlebens und einer alternativen Urbanität dienen kann. Inspiriert und gegründet wurde das integrale Gemeinschaftsexperiment von dem indischen Evolutionsphilosophen Sri Aurobindo und seiner französischen Gefährtin Mira Alfassa.
Zur Konzeption Aurovilles gehört ein Stadtteil, in dem die Kulturen und Nationen jeweils einen eigenen Pavillon errichten. Gemeint ist damit allerdings weder eine industrielle Leistungsschau noch eine imperiale Kulturpräsentation. Die Pavillons sollen vielmehr die
seelischen Identitäten der Nationen zum Ausdruck bringen. Erst die Freilegung und Akzeptanz dieser Qualitäten, so die These, kann den Weg frei machen für ein übernationales Bewusstsein. In Auroville und weltweit.

1992 beschloss in Deutschland eine kleine Gruppe von Auroville-Freunden, einen deutschen Pavillon in der internationalen Zone Aurovilles zu errichten. Damit stellte sich zunächst die Aufgabe, der Suche nach der "deutschen Identität" nachzugehen.
An dieser Identität, so die Definition, haben alle Anteil, die die deutsche Sprache als Muttersprache sprechen. Also auch und vor allem eine Suche im eigenen Interesse. Sie fühlte und fühlt sich ungewohnt an, da sie kollektiv und meist auch individuell im hohen Grad verdrängt und tabuisiert zu sein scheint. Deshalb auch stehen keine vertrauten Landkarten aus der bundesrepublikanischen Mainstream-Kultur zur Verfügung.
Die Suche nach der "deutschen Seele" wurde und wird zur Gratwanderung zwischen new-age-lerischen Verstiegenheiten und neo-nazistischer Deutschtümelei. Das Ganze im Angesicht eines misstrauischen Unverständnisses der pragmatisch-modernen deutschen Zeitgenossen.
Letztendlich wagten die Beteiligten die ungeliebte Suche wohl nur deshalb wieder aufzunehmen, weil sie ahnten, dass wir nur und ausschliesslich über den Schritt des Akzeptierens unserer nationalen Identität und unserer kollektiv-seelischen Aufgaben über diese hinauswachsen können.
Damit sich die unterschiedlichen Länder vereinen können, brauchen sie zuerst ein Bewusstsein ihrer eigenen Identität, das Wissen, wor ihr Anfang und ihr Ende ist, sagt Vaclav Havel zu dieser unumgänglichen Vorstufe einer übernationalen Vereinigung.Fn1

Die folgenden Thesen basieren auf Erkenntnissen, die sich für einen Teil der "Pavillongruppe" im Verlaufe dieser kognitiven, emotionalen und seelischen Identitätssuche ergaben.

Einige Arbeitsdefinitionen vorab:
Unter "Spiritualität" sei verstanden: Ein Weltbild, das ein göttlich-geistiges Prinzip als Ur-Grund und Einheit des Seins und aller Dinge sieht. Der Glaube an oder das Wissen von einem transpersonalen Schicksal des Menschen, erlebbar als innere Erfahrung und als kollektiver Mythos.
Mit "spirituellen Idealen" ist hier insbesondere die bewusste Mitwirkung an der individuellen und gesamtmenschlichen seelischen Entwicklung gemeint.
"Seele": Die innere Persönlichkeit des einzelnen Menschen oder eines Kollektivs als (zunächst ununterscheidbare) Einheit von personalen Faktoren und einem göttlich-geistigen Selbst.

1. Spirituelle Deformation
Die Nazis haben nicht nur auf fürchterliche Weise die Juden vergast, sondern zugleich auch für Generationen das spirituelle Klima in Deutschland vergiftet. Die innerhalb einer tiefen Seelenschicht vorgenommene Verwechslung der nationalsozialistischen Ideologie mit spirituellen Idealen führte mit dem Untergang dieser Ideologie bei einer Mehrheit der Deutschen zwangsläufig auch zur Verdrängung spiritueller Orientierungen. Diese tragische Verkennung und Verdrängung haben sich die Deutschen bisher kollektiv nicht ins Bewusstsein geführt bzw. es steht ihrer Aufarbeitung ein bis heute wirksames Tabu im Wege.
Fn2

2. Moderner Geistverlust
Die geistbetonte Welt- und Erkenntnishaltung bildete früher einen wesentlichen deutschen Seelenanteil. Durch den vom Nationalsozialismus subtil vollzogenen Missbrauch spiritueller Ideale haben die heutigen Deutschen diesen ausgeprägten geistigen Bezug der deutschen Identität und Kultur kollektiv verdrängt und tabuisiert. Mehr und gründlicher noch als ihre im Prinzip ebenso säkular lebenden Nachbarn.
Dabei sind die Zeugnisse unserer spirituell-geistigen Tradition eindeutig: Von den deutschen Mystikern über die Romantiker bis zu den Klassikern und Idealisten der deutschen Philosophie; den Komponisten von Bach bis Beethoven; den Tiefenforschern von Steiner bis Jung.
Tatsächlich lieferte gerade der Nationalsozialismus mit seiner pervertierten Mobilisierung spiritueller Sehnsüchte einen Beweis für diesen Wesenszug. Hitler versprach den Deutschen -in Abgrenzung gegen die vorherrschende, kalte Rationalität der Moderne- ihnen in gewisser Weise "ihre eigene Spiritualität" wiederzugeben. Nicht zufällig gerade den Deutschen, die, vielleicht mehr noch als ihre Nachbarn, unter der
Geistlosigkeit der westlichen Moderne litten (leiden).

3. Die reduzierten Nachkriegsdeutschen
Für das Selbstverständnis der heute lebenden Deutschen hat die Verkennung der okkulten (wörtlich: verborgenen) Ziele und Motive des Dritten Reiches und die deshalb nach dem Zusammenbruch erfolgte Verdrängung der deutschen "irrationalen" Seelenanteile prägende Konsequenzen: Millionen von Zeitgenossen des Dritten Reiches versiegelten die missbrauchten (spirituellen) Ideale ihrer Jugend in einem inneren Verlies und schwiegen fortan aus Scham und aus der Furcht heraus, von den Nachfolgenden nicht verstanden zu werden. Als Ausgleich und Alibi für den damaligen Irrtum überbetonte der intellektuelle und kulturprägende Teil dieser unglücklichen Deutschengeneration nach dem Krieg einen ausgeprägten Rationalismus.
Fn3
Die Nachkriegsgeborenen wuchsen mit der Verdrängung und dem Schweigen ihrer Eltern auf. Sie lernten, dass "Deutschsein" scheinbar etwas schamvoll zu Verschweigendes und eher Unangenehmes ist. Bei ihrer Sozialisation als Deutsche wurden gewissermassen die geistorientierten und "irrationalen" Teile der reichen deutschen Kulturtradition herausgefiltert. Übrig blieb ein zwar "modernes", aber einseitig-rationales Selbstbild.
Die Sensibilität für die Transzendenz, die selbst einander so kritisch gegenüberstehende Denker wie Adorno und Heidegger kennzeichnet, löst im heutigen Geistesleben Deutschlands -zumindest wenn man die öffentlichen Auseinandersetzungen verfolgt- Misstrauen, ja Hohn aus. Natürlich ist das ein weltweites Phänomen. Dennoch empfinde ich es in Deutschland als besonders schmerzlich, wo ich, wenn ich ankomme, instinktiv nach dem Vermächtnis, den Spuren der grossen deutschen Kultur suche. Doch was finde ich stattdessen: Eine geradezu besessen politische und soziologische, will sagen ideologische Weltdeutung, die jede Ansicht, die inhaltlich oder strategisch mit ihr unvereinbar ist, gnadenlos als "überkommen" abstempelt. So stellt sich das heutige Deutschland aus Sicht anteilnehmender Ausländer dar.Fn4
Hans-Jürgen Syberberg beklagt (in seinem Buch: Hitler, ein Film aus Deutschland, Reinbek 1978) leidenschaftlich die "materialistische Pseudo-Aufklärung im Nachkriegsdeutschland,....die "verkrampfte
deutsche Rationalität", die seitdem vielfach zu beobachten ist und die nur auf dem Hintergrund des exzessiven Nazi-Irrationalismus begreifbar ist. Hieraus ist eine Verteufelung des Irrationalen schlechthin erwachsen, die beträchtliche Breitenwirkung gewonnen hat. Irrationalismus ist nachgerade ... zum Synonym alles dessen....geworden, was zum .....Faschismus führt.
Fn5
Im Konflikt mit der eigenen Kulturgeschichte, aber in trauriger Konsequenz aus der jüngsten Vergangenheit werden spirituell-geistige Orientierungen heute im neudeutschen Diskurs als Gefährdung betrachtet: Die deutschen Linken misstrauen jeglicher "Innerlichkeit". Die säkularisierten deutschen Kirchen bekämpfen im Verein mit staatlichen Behörden vermeintliche Sekten. Im deutschen Kulturschaffen ist Spirituelles verpönt. Die hiesigen Medien betrachten alte und neue Erscheinungsformen des Spirituellen entweder als verächtliches Freiwild oder als gefährliches Ungeheuer.
Fn6
Womit nicht gesagt sein soll, es gäbe nicht nicht Haarsträubend-Naives im New Age; es gäbe nicht absurde Scharlatanerie unter den neuen Gurus, es gäbe nicht Faschistoides in manchen "okkulten" Gruppen.
Fatal ist nur, dass wir uns aller Werkzeuge zu Unterscheidung von Spreu und Weizen beraubt haben...
Personen des öffentlichen Lebens im heutigen Deutschland bekennen sich in der Regel nicht offen zu einer "spirituellen Einstellung". Ausser höchstens zu einem Lippenbekenntnis nichtssagender Kirchenfrömmigkeit. Was natürlich nicht heisst, dass alle diese Personen kein spirituelles Interesse hätten. Aber es bleibt privat. Aus gutem pragmatischen Grund: Politiker und Manager befürchten (wohl zu Recht), von ihren Kollegen und Konkurrenten belächelt oder nicht mehr voll genommen zu werden. Als "Esoteriker" in die New Age-/Spinner-/Idealisten-Ecke oder gar in ein geistiges Neo-Nazi-Umfeld gestellt zu werden.
"Spirituelle" Grüne, ursprünglich Mitbegründer der Grünen Partei, wurden längst diffamiert und von Kadermarxisten und Pragmatikern aus ihren Reihen vertrieben. Die SPD hat ausser ihrem sozialen Anliegen bedauerlicherweise keine geistige Dimension. Das gleiche gilt für den "wissenschaftlichen Materialismus" des vergangenen SED-Realsozialismus. Die CDU trägt nur das erwähnte Lippenbekenntnis eines tönernen Wertkonservatismus zu Markte. Die FDP gibt sich rationalitätsbetont und sorgt sich kaum um geistige, desto mehr jedoch um Markt-Freiheit.
So herrscht erschreckende Geistlosigkeit in der deutschen Politik. Sie führt zum geistigen Vakuum und zu unbesetzten seelischen (und politischen) Positionen. Die wir keinesfalls erneut den Neo-Nazis und den vielleicht sogar noch hinter ihnen stehenden Kräften überlassen sollten. Sie würden ohne Zweifel erneut mit unseren spirituellen Idealen und mit unserem Deutschsein Schindluder treiben. Und wir hätten rein gar nichts aus der Geschichte gelernt.

4. Suche im Ausland
Da das "Nichtleben der Spiritualität" auf Dauer -bewusst oder unbewusst- mit einem Gefühl des Mangels verbunden ist, begaben sich zunächst die Sensibleren der Nachkriegsgenerationen auf die innere und äussere Suche nach dem ihnen in den beiden Teilen Deutschlands gleichermassen vorenthaltenen "Geheimnis".
Deshalb wohl auch die überproportionale Repräsentanz junger Deutscher in Poona, in Auroville und an anderen Orten mit spirituellem Anspruch in aller Welt. Deshalb auch das auffällig grosse Interesse an Esoterik und Schamanismus in Deutschland (signifikant auch in Anbetracht des spirituellen Mangels, der
weltweit im Gefolge des vorherrschenden Nihilismus zu verzeichnen ist).

5. Die innere Leere
Mit einem Gefühl der Leere verbunden ist auch die
ungeklärte kulturelle Vergangenheit und Identität: Das weitverbreitete Unbehagen der Nachkriegsgenerationen am eigenen, "fragmentarischen Deutschsein". Angehörige der deutschen Kultur mit ihrer ausgeprägt geistorientierten Wesensart und Ausrichtung scheinen also eine Wiederaneignung der Spiritualität zu brauchen, um sich im Bereich der nationalen Identität wieder "ganz" zu empfinden. Um sich nicht heimatlos zu fühlen, sondern um in der Geistestradition dieses mitteleuropäischen Teils der Erde die eigene kulturelle Herkunft bestimmen zu können.Fn7

6. Gast und Gastgeber
Durch die immer noch andauernde, traumatische Blockierung zentraler positiver Seelenanteile ist eine ausgewogene Beziehung zu unserem Deutschsein nicht möglich. Deshalb die mit diffusen Schuldgefühlen beladene Unsicherheit, dieses Nicht-Genau-Hinsehen-Wollen etwa zum Ausländerthema in Deutschland. Verlust der Mitte auch in diesem Bereich: Schwanken zwischen linker/grüner Multi-Kulti (
Alle dürfen rein) und rechtsradikaler/bürgerlicher Fremdenfeindlichkeit (Ausländer raus). Beim heiklen Thema des Verhältnisses der Deutschen zu Gastarbeitern, Asylanten und Immigranten etwa wäre eine Definition von gastgebender (deutscher) Kultur einerseits und gastrechtnehmenden Minderheitskulturen andererseits hilfreich: Zwischen der gastgebenden Kultur und der gastrechtnehmenden Kultur besteht kein Verhältnis der Über- und Unterordnung, sondern ein Verhältnis des Umfassenden und des Eingeschlossenen... Vor allem besteht kein Wertungsunterschied.... wohl aber bestehen unterschiedliche Rechten und Pflichten... (Einwanderer) können ihre eigene Kultur pflegen, jedoch als Gast auf dem Sockel der allgemeinen (deutschen) Sprache und Kultur... Die USA mit ihrer Art von multikultureller Gesellschaft haben dies vorgelebt und letztere ist die (in diesem Punkt) am weitesten entwickelte. Fn8
Ohne diese neudefinierte und wiederangeeignete Souveränität laufen wir Gefahr, unser unbesetztes Deutschsein und Deutschland erneut den Rechtsextremen und den latent Unzufriedenen zu überlassen.

7. Grün ohne Seele
Nicht zuletzt im Gefolge des Nazi-Einsatzes von Blut- und Boden-Mythen haben wir den
spirituellen Bezug zu unserer Erde und zur Natur verloren. Der immerhin in der Überlieferung von Sagen, Märchen und Geschichte deutlich und prägend als wichtiger Zug deutscher Mentalität erkennbar ist.
Mit ihrer
rationalen Seite leisten die Deutschen heute sicher Hervorragendes beim Erkennen der Gefährdung von Natur und Umwelt. Die deutsche Umwelttechnologie gehört zu den weltbesten, das politische Umweltbewusstsein der Deutschen wirkte initiatorisch in der ganzen Welt.
Aber leider bezieht dieses Umweltengagement nur selten Herz und Seele mit ein. Nur zu oft verliert es sich im zänkischen politischen Einsatz. Das Schöpfen aus unseren spirituellen Kraftquellen, das Bewusstsein für unsere innere und untrennbare Schicksalsgemeinschaft mit Umwelt, Geschichte und Natur muss zur notwendigen ökologischen Neuorientierung hinzukommen.
Diese Haltung ist es erst, die ein "Umweltbewusstsein" ganzheitlich macht und ihm Liebe, Kraft und Ausdauer verleiht. Und es letztlich vor Zynismus, Verzweiflung, Bitterkeit und ohnmächtigem Hass bewahrt.

8. Das Alles-oder-Nichts-Syndrom
Zwei Seelen leben in des Deutschen Brust: Die deutsche Heimat und das Weltbürgertum. Beide sind gleichermassen "typisch deutsch". Ein Volk der fanatischen Deutschradikalen und der fernwehkranken Auswanderer zugleich. Der einzelne Deutsche erfährt diesen Doppelcharakter oft als schmerzliche Zerrissenheit. Viele deutsche Philosophen -und in ihrem Gefolge das deutsche Bürgertum- stellten fatalerweise nur einseitig das
Kosmopolitentum in den Vordergrund. Und verhalfen gerade dadurch einem engen Nationalismus zur unbemerkten Entfaltung.Fn9
Diese gutgemeinte, aber fatale Einseitigkeit wiederholt sich erschreckend. Die jungen Deutschen in der früheren Bundesrepublik hatten (und haben immer noch) ein "modernes" Selbstverständnis, frei von deutscher Identität, fühlten sich schon als halbe Europäer und konsumierten zeitgemässes Multi-Kulti. In der DDR herrschte zur gleichen Zeit "internationale Solidarität";
Sozialismus rangierte weit vor Deutschsein.
Die Quittung sind Hoyerswerda und Neonazis. Und ein anhaltendes Unbehagen am und im eigenen Land.
Die Nazis versuchten eine brutale "Zusammenschau " der in Heimat und Fernweh gespaltenen deutschen Seele, indem sie die ganze Welt zur deutschen Heimat machen wollten.
Einen besseren Versuch der Synthese zwischen Heimat und Weltbürgertum weist vielleicht Ernst Schumachers Motto "Think globally, act locally" (wie wäre es mit: "Care globally, love locally"?).

9. Wo ist die Macht?
Unsere Haltung zu Stärke und Macht ist durch unsere spezifische deutsche Vergangenheit gespalten.Extremes Schwanken zwischen Pazifismus und Herrenmacht. Verlust der Souveränität in Hinsicht auf die eigene Stärke. Auch hier das Klammern an die Vernunft, an die (ab einem gewissen Grad hilflos erscheinenden) Appelle an rein rationale Lösungen, an die blosse Kraft der Argumente.
Die eigenen seelisch-"irrationalen" Kraft-Quellen sind dagegen in unserer neudeutschen Kultur abgespalten. Die Gefahr: Hinter der pazifistischen Schwelle lauert fanatische Gewalt. Oder anders: Eine nur
rational-idealistisch motivierte Friedenssehnsucht -ohne die tiefen spirituellen Kraftquellen der Gewaltlosigkeit- provoziert letztendlich ihr Gegenteil. Weimar lässt grüssen.
Der Einzelne aber kann heute (wie vor tausend Jahren) wirkliche Macht und Stärke in seinen spirituellen Kraftzentren in Seele und Körper erfahren. Wie es etwa die fernöstlichen Kampfkünste in Meisterschaft entwickelten. Warum wohl suchen so viele Menschen bei uns genau diesen kulturellen Rückgriff und Umweg, um wieder einen ganzheitlicheren Bezug zu ihrer eigenen und zur Kraft überhaupt zu spüren?!

10. Frieden schliessen mit der nationalen Identität
Die Bedeutung der nationalen Identität für den einzelnen scheint im Zeichen des sich gegenwärtig abzeichnenden Paradigmenwechsels abzunehmen. Darin vergleichbar etwa der früher unumschränkten und heute schwächer werdenden Prägung und Bindung durch und an die Herkunftsfamilie. Die Entwicklung geht offensichtlich weiter in Richtung einer selbstbestimmten Individualisierung.
Ein visionäre Zukunftsschau spricht jedoch davon, dass -unter Beibehaltung der hohen Qualität der befreiten Individualität- eine neue und bewusste zwischenmenschliche Verbindung auf spiritueller Grundlage gefunden werden kann (Beispiel: intentional communities).
Das Ende der Bedeutung von
nationaler Identität ist also am Horizont erkennbar. Ein glückliches Ende kann nationale Identität allerdings wohl nur dann finden, wenn ihre Träger zuvor die mit ihr verbundenen kollektiv-seelischen Aufgaben im ausreichenden Masse verstanden und erfüllt haben. Ansonsten droht nationale Identität als ein nicht sterben könnendes Gespenst der Vergangenheit an unvermuteter Stelle wieder aufzutauchen.
Ebenso wie die individuell-familiäre Identitätsprägung Verstehen, Akzeptanz und eventuell Erfüllung fordert, um letztlich von ihr frei zu werden.

11. Seelische Aufgaben
Vieles deutet darauf hin, dass zu den besonderen seelischen Aufgaben der Deutschen die Synthese von Rationalität und Spiritualität gehört. Dies mag zwar ohnehin eine der zentralen Menschheitsaufgaben unserer Zeit sein, aber die Deutschen können von ihrer Tradition und Prägung her dafür günstige Voraussetzungen mitbringen
.Fn10 Deshalb auch waren sie für den Missbrauch der Nazi-Verführer besonders prädestiniert: Rationalmystizismus als seelisches Gebräu des Nationalsozialismus.
Die Deutschen gelten als kühle Planer und als sehnsuchtsvolle Dichter und Philosophen zugleich. Diese -historisch leider meist unverbundene- Gleichzeitigkeit birgt idealerweise das Potential, zwischen den Einseitigkeiten der westlichen Rationalität und der östlichen Spiritualität zu vermitteln. Denn erst die Zusammenschau von rational determinierter Realität und spirituell erfahrbarer Wirklichkeit -eine
Postrationalität im Wilberschen Sinn- erlaubt zum Beispiel die Entwicklung von Kriterien, die unterscheidende Klarheit in den Wildwuchs subkultureller Spiritualität (nicht nur) in Deutschland bringt.
Der aktuelle und mit einer paranoiden Angst vor "Sekten" einhergehende Versuch einer gesetzlichen Reglementierung offenbart neben offenen Machterhaltungsansprüchen lediglich den verzweifelten und undifferenzierten Versuch der Abwehr einer "Wiederkunft des (eigenen) Irrationalen" in der deutschen Kultur.
Für den fatalen Irrtum und das Verschulden beim ersten Versuch müssen wir die Verantwortung übernehmen. Wir liessen uns verführen und wollten nicht sehen. Aber jetzt geht es darum, den damaligen Schritt noch einmal zu versuchen. Die Scheu davor ist verständlich. Vielleicht gelingt er auch erst in der nächsten Generation, oder in der übernächsten. Aber er muss kommen. Zu unserem Glück.
Fn11

12. Die kollektive Therapie
Einzelne Menschen in Deutschland (Künstler, Literaten und Philosophen) haben, zumeist in jüngerer Zeit, damit begonnen, die nachhaltige Deformation geistiger Traditionen und spiritueller Sehnsüchte in Deutschland durch die Nazis zu begreifen und zu beschreiben. Noch kaum im Blick ist dabei die verheerende Auswirkung dieser Deformierung auf die deutschen Nachkriegsgenerationen. Als deren vorherrschendes Merkmal sich ein traditions( und trost-)loses, rational-verengtes Selbstbild bemerkbar macht.
Diese Spaltung der Deutschen ist bis heute nicht behoben. Zumindest zwei Gefahren sind beim Versuch einer kollektiv-seelischen Aufarbeitung der jüngsten deutschen Vergangenheit erkennbar. Katastrophal wäre es erstens, würde das Thema erneut in die Hände von Nazis und Neonazis fallen. In entsprechender Neuverfälschung könnte es sich zum Stimmenfang bei einer erheblichen Minderheit eignen: Bei denjenigen, die im Gefolge ihrer spirituellen Suche fast zwangsläufig in der politischen Heimatlosigkeit gelandet sind. Gefährdungen ergeben sich aber auch für die Protagonisten des Versuchs einer öffentlichen Aufarbeitung. Die nachgerade hysterisch zu nennende Reaktion auf die Buchveröffentlichung von Ulla Berkéwicz, eindrucksvoll dokumentiert von Tilmann Moser, zeigt auf, welches Ausmass an persönlicher Diffamierung das öffentliche Angehen eines zentralen Tabus immer noch nach sich ziehen kann.
Fn12
Gleichwohl bleibt die Bewältigung dieses kollektiv-seelischen Geschehens und die Wiederaneignung der abgespaltenen Identitätsanteile als Notwendigkeit bestehen. Um als in Deutschland Aufgewachsener und um als Kulturnation frei zu werden für die drängenden globalen Forderungen der Gegenwart und Zukunft.
Vielleicht ist dies die wirkliche "Wiedervereinigung"?


Beispiele für die beginnende Aufarbeitung

· Ulla Berkéwicz (Lyrikerin u. Schriftstellerin) Roman: "Engel sind schwarz und weiss", Suhrkamp TB, 1992.
Expressive Beschreibung der seelischen Entwicklung eines jungen Mannes zum überzeugten Nationalsozialisten. Einblicke in die Esoterik der SS-Welt.
· dazu: Tilman Moser (Psychoanalytiker) Dokumentation und Streitschrift: "Literaturkritik als Hexenjagd", Piper TB 1994.
Der Aufschrei der deutschen Kulturkritik angesichts Ulla Berkéwiczs Roman.
· Dr.Edda Bars (Schriftstellerin) Essay: "Der Aufgang des Abendlandes". Aurum Verlag, 1988 (vergriffen)
U.a. Darstellung der esoterischen Hintergründe der Nazizeit.
· Jochen Kirchhoff (Musikhistoriker und Philosoph) Essay: "Nietzsche, Hitler und die Deutschen. Die Perversion des Neuen Zeitalters". edition dionysos, Berlin, 1990.
Studie über die Verführung und Verführbarkeit der Deutschen in der Nazi-Zeit.
· Prof. Dr. Johannes Heinrichs (Lehrstuhl für Agrarökologie an der Humbold-Universität, Berlin) Essay: "Gastfreundschaft der Kulturen. Multikulturelle Gesellschaft in Europa und deutsche Identität". Verlag Die blaue Eule, Essen,1994.
Über ein neues Selbstbild der Deutschen.
· Carl Friedrich von Weizsäcker (Physiker und Philosoph), Essay: "Wahrnehmung der Neuzeit", dtv, München 1983.
Hier insbesondere der Beitrag "Ein Brief über den Nationalsozialismus" aus dem Jahr 1952.
· Michael Ley und Julius Scoeps, Hrsg. (Historiker) Dokumentation: "Der Nationalsozialismus als politische Religion". Philo Verlag, 1997. Sammelband mit den Ergebnissen eines Historiker- Symposions in Wien aus dem Jahre 1995.
Würdigung der zentralen Rolle religiös-spiritueller Anteile im Rahmen einer Rezeption des Nationalsozialismus. Wohl die erste grössere Annäherung von akademischer Seite an das Thema.
· Ulrich Wickert (Tagesschausprecher und Historiker) Sachbuch: "Deutschland auf Bewährung", Hoffmann und Campe,1997.
Thesen wider das Tabu einer Beschäftigung mit der nationalen (deutschen) Identität.
· Rüdiger Sünner (Filmregisseur) Kino/TV-Film: "Schwarze Sonne", 1997. Kinoverleih und WDR/Arte.
Mythologische Hintergründe des Nationalsozialismus.

Fussnoten

Fn1 "Der Mechanismus der Rache" (SPIEGEL 45/1999)

Fn2 Deutschland ist das zugestossen, was dem Sucher auf dem Weg des Yoga, dieser Kunst bewusster Selbstfindung, dann zustösst, wenn er einem falschen Licht folgt, das ihn in den spirituellen Ruin führt.... Einen grösseren Fehler als diesen kann es weder für Mensch noch Nation geben. (Sri Aurobindo Ghose, Zyklus der menschlichen Entwicklung)

"Das Wirken der Vorhersehung, zukünftige Menschheit, der neue Mensch, das tiefste Innere, unbezwinglich, höchstes Vertrauen´: Nazi-Terminologie

Niemals in der Weltgeschichte gab es eine derartige Fälschung aller Werte und Wahrheiten in Bildern und Worten wie durch den Nationalsozialismus. Darum wird auch seine damalige Faszination unverständlich bleiben, solange man nicht zuerst das Neue Bewusstsein und seine Ziele ins Auge fasst. Tatsächlich sollen mit ihm die Grenzen des Menschen erweitert werden, aber nicht die territorialen, sondern die Grenzen des Geistes und Bewusstseins. Eine "Bewältigung der Vergangenheit" kann es nur geben, wenn sie beim Neuen Bewusstsein ansetzt... Der Nationalsozialismus versuchte von Anfang an, die scharfe Trennungslinie zwischen ihm und dem Neuen Bewusstsein zu verwischen, um die so überaus starken Impulse des Neuen Bewusstseins für seine Zwecke zu missbrauchen. (Dr. Edda Bars, "Der Aufgang des Abendlandes")

Der Nationalsozialismus war die Zerrform einer in der Substanz berechtigten deutschen Visionssuche, die wir zunächst einmal als solche begreifen müssen, um an Tiefenschichten unseres Bewusstseins heran zu kommen. (Jochen Kirchhoff, "Nietzsche, Hitler und die Deutschen")

Der Faschismus war ein missglückter Versuch, das Reich Gottes auf Erden zu errichten. (zitiert von Carl-Friedrich von Weizsäcker in : "Wahrnehmung der Neuzeit")

Während in der Fachwelt die Interpretation des Nationalsozialismus als eine im Kern messianische Bewegung durchaus akzeptiert worden ist, erzeugt die in letzter Zeit aufgestellte Behauptung, der Nationalsozialismus sei eine politische Religion, ... (in Teilen der Öffentlichkeit d.V.) heftigen Widerspruch. Dennoch kommen die Menschen nicht umhin sich einzugestehen, dass Bewegungen wie der Nationalsozialismus vielleicht doch Elemente enthalten könnten, die mit üblichen Deutungen nicht zu erklären sind. (Michael Ley und Julius Scoeps, " Der Nationalsozialismus als politische Religion")

Fn3 Nur wer die Vernunft selbstbewusst als (einzigen) Massstab gegen die verschiedenen unschuldigen bis bösartigen Formen der Irrationalität einsetzt, hat eine Chance, schwache und gefährdete Menschen zu schützen.... Die Liberalität der Amerikaner in Glaubensfragen kann in Deutschland nicht gelten: Zu frisch sollte uns noch die Erinnerung daran sein, was geschieht, wenn aus blossem Wahnsinn Methode wird. (Aus dem Leitartikel eines Sonderheftes der "Zeit" zum Thema Sekten, 1997)

Wenn Hitler das deutsche Volk verführte, dann hat er es zu etwas verleitet, was in ihm steckte. .. Aber die eigene Schuld, die eigene Verantwortung für diese gewaltige Hingabe an Hitler anzusehen und auszuhalten, ist nur schwer möglich. Deshalb wird sie verdrängt. Und jede Hingabe an einen Guru, der sich öffentlich zeigt, jedes grundsätzliche (spirituelle) Anvertrauen weckt bei denen, die verdrängt haben, die Erinnerung an die braune Vergangenheit.
Bertold Ulsamer ("Verdrängte Schatten", Connection 9-10/97)

Fn4 Lásló Földényi in: Süddeutsche Zeitung vom 14.1.1998, "Was ist deutsch? Selbsthass als Balsam. Über den Verlust der Identität."

Fn5 Jochen Kirchhoff: "Nietzsche, Hitler und die Deutschen"

Fn6 (Es ) wird meist übersehen, dass (im New Age,) in dieser breiten religiösen Strömung der Selbstvergötterung, die faschistische Ideologie wiederauflebt... Es ist die Esoterik selbst, von Anfang an und in ihrem Kernbestand, die sich mit Grundauffassungen rechtsextremistischen Denkens deckt.
Peter Kratz über New Age, zitiert in "Psychologie heute", Juli 1997

Fn7 Das heutige Geistesleben Deutschlands hat (trotz) der tiefen Wurzeln seiner geistigen Vergangenheit keine lebendige, auf die Gegenwart einwirkende Bindung. Der Mensch ohne Wurzeln ist jedoch, so Simone Weil, vor allem unglücklich: Entweder er betätigt sich pausenlos und macht sich wichtig oder er fällt in sich zusammen, wird neurotisch und greift zu verzweifelten Mitteln.
(Lásló Földényi in: Süddeutsche Zeitung vom 14.1.1998, "Was ist deutsch? Selbsthass als Balsam. Über den Verlust der Identität.")

Ich halte die Frage nach dem Positiven, das vielleicht in der Nazibewegung verlarvt war und dann immer gründlicher pervertiert wurde, für eine aufklärerische Norwendigkeit, weil wir sonst von Wurzeln abgeschnitten bleiben, aus denen jetzt Rettendes erwachsen könnte... (Rudolf Bahro, "Logik der Rettung", Stuttgart/Wien, 1987)

Fn8 Johannes Heinrichs: Gastfreundschaft der Kulturen

Fn9 "Denn ist es nun einmal die Bestimmung des Deutschen, sich zum Repräsentanten der sämtlichen Weltbürger zu erheben." (Goethe)

"Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens; Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." (Goethe: "Deutscher Nationalcharakter")

Zu diesem Zusammenhang siehe Johannes Heinrichs: "Gastfreundschaft der Kulturen"

Fn10 Es geht um das Aufzeigen von Grundalternativen und Wertentscheidungen zur deutschen Identität. In der Philosophie ist sie durch die Wortpaare Klarheit und Tiefe, Rationalität und Intuition, Intellektualität und Spiritualität gekennzeichnet. Diese fruchtbare Spannung durchzuhalten, das kann in diesem Zusammenhang "typisch deutsch" genannt werden. (Johannes Heinrichs, "Gastfreundschaft der Kulturen")

Fn11 Die subjektive Stufe der menschlichen Entwicklung ist jener kritische Punkt, in dem (die Menschheit) sich tiefer zu schauen bemüht und das hinter dem Aussen und der Oberfläche Liegende zu erkennen, zu erfühlen und deshalb (individuell) von innen her zu erleben sucht.... Deutschland war zu jener Zeit (vor dem zweiten Weltkrieg) das bemerkenswerte-ste Beispiel einer Nation, die sich für die subjektive Stufe vorbereitete....(Doch) es suchte seine Seele - und fand nur seine Stärke.
(Sri Aurobindo im "Zyklus der menschlichen Entwicklung" über das Deutschland der Jahre um 1920 / 1930)

Fn12 Die Abwehr einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema des "emotionalen Nationalsozialismus" und seinen mythischen und pseudoreligiösen Aspekten wird (hier d.V.) mit den Mitteln der Literaturkritik betrieben... Eine merkwürdige Giftigkeit zieht sich durch viele Texte, so als müssten die Rezensenten sich einem krankmachenden Sog entziehen, der nur durch heftigste Gegenwehr eingedämmt werden kann. (Tilman Moser "Literaturkritik als Hexenjagd")

Zum Autor

Wolfgang Schmidt-Reinecke geb.1949, studierte Publizistik, Geschichte, Ethnologie an der FU Berlin. Lebt und arbeitet als freiberuflicher Journalist, Fundraiser und PR-Berater im Bereich Dritte Welt, Verbände, Agenturen und Nonprofitorganisationen in Berlin. Geschäftsführender Vorstand von "Auroville International Deutschland e.V.". Tätig für die Presse- und Koordinationsstelle der "Frankfurter Gespräche". Veröffentlichung u.a.: "Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen", Auswahl in zwei Bänden aus einer zwischen 1900 und 1920 von Magnus Hirschfeld publizierten Reihe, Qumran Verlag, Frankfurt/M.1984.

Kontakt zum Autor: wjsr@gmx.net


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