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quelle:integral.transpersonal.de
auf:http://www.transpersonal.de


Dieser Artikel wurde im ersten Halbjahr des Jahres 2001 in gleicher Form
in einer Reihe von Zeitschriften veröffentlicht. Eine von ihnen ist TRANSPERSONALE PERSPEKTIVEN (TP), die Fachzeitschrift
der Deutschen Transpersonalen Gesellschaft (DTG)
Die DTG ist Initiatorin der Website www.transpersonal.de

Innen und Außen zugleich im Blick -
Die Kulturell Kreativen

Vernetzungsaktion von Lesern und Zeitschriften

Wolfgang Schmidt-Reinecke, Berlin

Hat für Sie spirituelle (Selbst-)Verwirklichung einen zentralen Stellenwert und interessieren Sie sich für Grenzgebiete der Wissenschaft? Engagieren Sie sich für ökologische Lebensweisen und nehmen Sie Anteil an aktuellen Entwicklungen in Psychologie und Gesellschaft?
Dann teilen Sie dieses Spektrum an Interessen und Haltungen heute mit mehr Menschen, als Sie glauben. Als Leser/in der TRANSPERSONALEN PERSPEKTIVEN liegt es nahe, dass Sie zur Gruppe der "Kulturell Kreativen" gehören. So heisst eine neue und noch kaum erkannte Bevölkerungsschicht, die derzeit mit eigenem Profil heranwächst. Nicht mehr konservativ, doch schon mehr als modern.
Erste Anzeichen des angekündigten Paradigmenwechsels? Auf jeden Fall Grund genug, sich einige benachbarte Zeit-Genossen und Zeit-Schriften etwas näher anzusehen.

Gemeinsame Befindlichkeit: Postmodernes Lebensgefühl

Aus den USA liegen gesicherte Daten vor. Seit etwa 10 bis 15 Jahren, so lauten die Ergebnisse einer repräsentativen Studie, ist dort fast unbemerkt eine neue Subkultur am Entstehen (Paul H. Ray, Ph.D., and Sherry Ruth Anderson, Ph.D, "The Cultural Creatives - How 50 Million People Are Changing The World", Harmony Books, NYC, 2000, ISBN 0-609-60467-8).
Vordergründig gilt die US-Gesellschaft im wesentlichen von zwei Strömungen geprägt. Da sind die "Traditionalisten" mit Werten und Haltungen wie Betonung von Familie und Religion, Misstrauen gegenüber Veränderungen, Probleme mit der Komplexität der modernen Welt. Ihnen steht auf der anderen Seite die - kulturell dominierende - Gruppe der "Modernisten" gegenüber. Ihre Mitglieder schätzen universelle Normen und Säkularität, geben persönlicher Freiheit und eigener Leistung Vorrang und glauben an rein technische Lösungen.
Das politische Links/rechts-Schema hat demgegenüber seine Gültigkeit verloren bzw. ist der genannten Typisierung untergeordnet.

Nun aber, so die Studie, taucht eine Gruppierung mit neuen Einstellungen auf: Die "Kulturell (oder auch: Integral) Kreativen". Die Haltung deren Mitglieder ist gekennzeichnet durch Interesse an (spiritueller) Selbstverwirklichung, Wertschätzung von Beziehungen und ökologischer Lebensweise, engagierter Anteilnahme an der Welt. Weitere Merkmale sind Offenheit für fremde Kulturen und neue Ideen sowie für die Transformation der Geschlechterrollen. Aufschlussreich ist auch, was die Kulturell Kreativen ablehnen: Die Intoleranz der religiösen Rechten, den gedankenlosen Hedonismus der kommerziellen Medien und die skrupellose Umweltzerstörung im Namen des Big Business. Die Untersuchung sagt über das Verhältnis der genannten drei Gruppierungen folgendes aus: Traditionalisten 24 % (abnehmende Tendenz); Modernisten 47 % (abnehmend); Kulturell Kreative 29 % (zunehmend).

Bemerkenswert ist angesichts dieser Zahlen, dass die Kulturell Kreativen bisher weder gesellschaftlich noch aus der Sicht ihrer eigenen Mitglieder als eigenständige Subkultur wahrgenommen werden. Das heisst, es gibt noch kaum gemeinsame Medien, Parteien oder kulturelle Ausdrucksformen, in denen sich das transmoderne Lebensgefühl dieses wachsenden Teils der Bevölkerung widerspiegeln würde. Indizien sprechen gleichwohl dafür, dass die neuen Denkweisen und Haltungen mehr oder minder in allen westlichen Ländern zunehmend in Erscheinung treten.

 

Gemeinsame Herausforderung: Neudeutsches Irrationalitätstrauma
In Deutschland sind sich Traditionalisten und Modernisten zumindest in einem Punkt weitgehend einig: Ausserhalb des wissenschaftlichen oder kirchlichen Mainstreams liegende Weltanschauungen und Methoden werden subtil oder unverhohlen ausgegrenzt. Betroffen sind zum Beispiel -

- die vielen Formen wieder und neu entstandener freier Spiritualität und Lebensberatung;

- theoretische Ansätze grenzwissenschaftlicher Untersuchungen und der Bewusstseinsforschung;

- praktische Anwendungen lebensenergetischer Gesundheitskonzepte sowie holistischer
Wirtschaftsmethoden und Gesellschaftssysteme.

Die erkenntnismässige und praktische Relevanz dieser - gerade für die Gruppe der Kulturell Kreativen interessanten - Angebote und Forschungen wird zumeist bestritten. In Politik, Literatur und intellektuellen Medien werden sie entweder in Sektennähe gerückt oder pauschal als Rückfall in vorwissenschaftliche, gegenaufklärerische oder gar faschistoide Denkweisen dargestellt.

Tatsächlich ist für nicht wenige dieser Ansätze genau das Gegenteil wahr. Für sie ist eher eine postrationale Herangehensweise im Sinne des amerikanischen Bewusstseinsforschers Ken Wilber kennzeichnend. Eines deren Merkmale besteht darin, dass sie rationale Analyse mit (geschulter) intuitiver Wahrnehmung integriert und so zur Erweiterung eines reduktionistisch verengten Welt- und Menschenbildes beiträgt. Ein derart erweiterter Wissenschaftsbegriff und eine solcherart erweiterte Aufklärung (engl.: enlightenment!) könnten sich als geeignet erweisen, erneut das Wissen und die Erfahrung der Verbundenheit zu vermitteln. Verbundenheit aber ist Voraussetzung, um zu dringend benötigten neuen Erkenntnissen und engagierten Handlungsweisen zu kommen. Nicht nur in Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, sondern auch im individuellen Alltag.

Im gegenwärtigen Deutschland scheinen besondere Schwierigkeiten zu bestehen, diese innovativen Ansätze im Wildwuchs des aktuellen Zeitgeistes zu erkennen. Vielleicht, so steht zu vermuten, verhindert hier eine traumatisch bedingte Angst vor den prärationalen Mythen des Nationalsozialismus bis heute ein unbefangenes Erkennen neuer transrationaler Perspektiven.

 

Gemeinsame Aktion: Die grössere Plattform

Der vorliegende Artikel erscheint ausser in den TRANSPERSONALEN PERSPEKTIVEN in gleicher Form in einer Reihe von weiteren Zeitschriften. Ziel der Gemeinschaftsaktion ist es, den Lesern dieser Blätter die jeweils anderen Publikationen vorzustellen. Vernetzung erhält hier Vorrang vor Konkurrenz.

Ausgangspunkt ist die Vermutung, dass die in diesen Medien dargestellten Trends und Entwicklungen eine Art innere Verwandtschaft aufweisen und damit für alle interessant sein könnten. Für ein gemeinsames Anliegen der sonst sehr unterschiedlich profilierten Zeitschriften und ihrer jeweiligen Leserschaften spricht vor allem eines: Die hier zu findende Diskussion von Erkenntnissen und Perspektiven, die sich aus einem holistischen bzw. integralen Wissenschafts-, Gesellschafts- und Menschenbild ergeben. In dieser Hinsicht stehen die vorgestellten Publikationen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern behandeln lediglich verschiedene Aspekte eines möglichen Paradigmenwechsels.

Die Themenpalette reicht von Wissenschaft und Wirtschaft bis zu Kultur, Gesellschaft und neuer Spiritualität.

Die Vernetzungsaktion ist von zwei weiteren Absichten getragen. Zum einen soll sie dazu dienen, den bislang noch unorganisierten bzw. vereinzelten Mitgliedern der Kulturell Kreativen einen Hinweis auf den Standort und die wachsende Bedeutung ihrer Haltungen innerhalb der Gesellschaft zu geben.

Darüber hinaus will die Aktion dazu beitragen, die offenere Diskussion von "integralen" Forschungsthemen und Konzepten in anderen Ländern (und in Ansätzen auch im Deutschland der Vor-Nazi-Ära) anschaulich zu machen.


Gemeinsamkeit mit unterschiedlichen Profilen:
Titelträger eines neuen Denkens

Informationen zu den Zeitschriften erhalten Sie auf:
www.kulturkreativ.net


Autor

Wolfgang J. Schmidt-Reinecke, geb.1949, studierte Publizistik, Geschichte, Ethnologie an der FU Berlin ( M.A.). Arbeitet als freiberuflicher Journalist, Fundraiser und PR-Berater im Bereich Dritte Welt, Verbände, Agenturen und Nonprofitorganisationen. Geschäftsführender Vorstand von "Auroville International Deutschland e.V." Veröffentlichung u.a.: "Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen", Auswahl in zwei Bänden aus einer zwischen 1900 und 1920 von Magnus Hirschfeld publizierten Reihe, Qumran Verlag, Frankfurt/M., 1984.

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