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quelle: www.integral.transpersonal.de

Kurze Theorie einer integralen
Wissenschaft und Ethik
Oder: Die Logik der Liebe

Maik Hosang, LebensGut Pommritz / Berlin


Da der folgende Zwischentext in moderner Tradition gefaßt, d.h. vor allem theoretisch-rational ist, sei zuvor, als Sinn und Hintergrund, die Dimension des Themas etwas untheoretischer, nichtsdestoweniger bedeutungsschwangerer, gefaßt: Es geht darum zu erklären, warum die höchste Idee der Bibel und anderer Weisheitstraditionen, der Gedanke "Gott ist die Liebe", ganz und gar nicht im Gegensatz zur logisch begründenden Wissenschaft steht, sondern sich vielmehr als Konsequenz einer rationallogisch gedachten Wirklichkeits-, d.h. Evolutionstheorie, ergibt. Und warum diese Erkenntnis zugleich die Begründung für eine neue, integrale Art von Wissenschaft und Kultur bedeutet.

Bereinigen wir die Wissenschaft von allen äußeren und zufälligen Gegenständen, bleibt übrig die reine Logik, als Wissenschaft von allgemeinsten Zusammenhängen oder, wie Hegel es ausdrückte, Wissenschaft von der "inneren Selbstbewegung des Inhalts". Bedeutendste Beispiele einer solchen grundlegenden Entwicklungs-theorie finden wir in der Wissenschaftslehre von Johann Gottlieb Fichte und in der Logik von Friedrich Wilhelm Hegel, gute Versuche dieses Jahrhunderts finden wir bei Gotthart Günthers Entwürfen einer nicht-klassischen Logik, bei Johannes Heinrichs "Ökologik" und bei Ken Wilbers Arbeiten zur "Großen Kette des Seins". Auf deren Grundlagen aufbauend und angeregt durch die neuen, über alle modernen Beschränkungen hinausgehenden praktischen Entwicklungserfordernisse, ergibt sich wie folgt die Struktur einer integralen Logik des Seins und der Liebe.

Im Sinne eines integralen Wissens ist es wichtig zu beachten, daß auch diese Logik hier rational-objektiv dargestellt wird. Die verwandten rationalen Begriffe der "Subjektivität" und der "Intersubjektivität" enthalten vor allem die rationale Dimension der damit dargestellten Wirklichkeiten und drücken diese selbst nur inadäquat aus. Wer an einer vollständigen Wahrnehmung/Wahrgebung des Ganzen interessiert ist, kann versuchen, das rationale Begriffsverständnis durch entsprechende Wahrnehmungs/Wahrgebungsformen der anderen Dimensionen zu ergänzen. Für die Dimension der Subjektivität oder des "Ich" eignen sich dabei besonders die Qualitäten des "Willens", der "Kraft" oder der "Intensität", für die Dimension der Intersubjektivität oder des "Ich und Du" insbesondere die Qualitäten der "Liebe", der "Wonne", der "Seligkeit" oder der "Freude".

Kurze Logik der "aufeinanderaufbauenden", bzw. einander jeweils um eine Qualität mehr in sich reflektierenden, so auch das Sein jeweils intensivierenden Reflexions- bzw. Evolutionsstufen

Fortsetzung der Hegelschen Begriffe erfaßt sich so das Sein

 
Evolutionseinsprung zu den Reflexionsebenen und der Logik des "Gegenständlichen", des "Es", des "Körpers"

Das Gegenständliche Sein

Physis
(Materie, Beginn vielfacher, getrennter Existenzen)

An sich

Vital
(Bios, Lebenserhaltung getrennter Wesen als Selbstzweck)

Für sich

Mental
(Verstand, durch Erkenntnis gesteigerte Lebenserhaltung sich getrennt erlebender Wesen)

An und für sich

Evolutionssprung zu den Reflexionsebenen und der Logik der Subjektivität, des "Ich", des "Transpersonalen" oder der "Seele"

Des Seelisch-
Subjektive Sein

Psychisches
(Ahnung und Beginn individueller Subjektivität)

An mich

Spirituelles
(Selbstgenügsame Reflexion der individuellen Subjektivität)

Für mich

Supramentales bzw. Subjektivität
(Über sich selbst hinausgehende Reflexion der individuellen Seele)

An und für mich

Evolutionssprung zu den Reflexionsebenen und der Logik der Intersubjektivität, des "Ich und Du" ("Wir") oder des "Geistes"

Das geistige Sein

Kommunikation
(Ahnung und Beginn der Möglichkeit von Liebe)

An dich

Kommunion
(Liebe als Selbstgenugsein der Reflexion zweier Wesen ineinander)

Für Dich

Intersubjektivität
(Liebe als über die Reflexionspartner hinausgehende Mitschöpfung)

An und für Dich


* Diese Logik der Liebe trifft sich auch mit dem großen intuitiven Entwurf von Hölderlin, Schelling und Hegel: "eine Ethik...mit dem freien selbstbewußten Idee tritt zugleich eine ganze Welt - aus dem Nichts hervor - die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts...Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit... Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und das Wahrheit und Güte in der Schönheit verschwistert sind" (aus: Mythologie der Vernunft).

Erst aus der Erkenntnis- und Seinsqualität der wirklichen Intersubjektivität oder Liebe ergibt sich die Möglichkeit und Qualität von Ethik, und im gleichen Moment auch von Mit-Schöpfung (siehe oben*). Dies meint eine menschliche Seinsqualität, die nicht nur fremd- oder triebgesteuerte Reize realisiert, sondern aus sich selbst, aus ihrer ungeheuren eigenen Intensität und Komplexität von Wahrnehmung und Mitgefühl heraus mitseinsfähiges neues Sein schöpft.
Um dies näher zu beschreiben bedürfte es hier einer Logik der Reflexions- bzw. Evolutionsstufen von "Handlung". Für die Beschreibung der Handlungsqualitäten ergibt sich dann, als logischer Bezug zu obiger Logik, eine Viergliederung der Handlungsebenen: Handlung in bezug auf Es, Ich und Wir und zuzätzlich sich selbst (Siehe dazu die Konzepte von Johannes Heinrichs).

Die obige Logik der Liebe bzw. einer integralen Wissenschaft und Ethik ist in der kürzestmöglichen Form dargestellt, da nur so die wesentlichen Zusammenhänge bzw. Bewegungen des Ganzen als Ganzes deutlich sichtbar werden.
Im Folgenden dazu noch einige wenige Bemerkungen, die inbesondere für den gegenwärtig aktuellen Übergang von der bisherigen primär mentalen zu den ersten Ebenen einer integralen Wissenschaft wichtig sind:
Der Begriff einer "integralen" Entwicklung deutet sich seit langem als der Kern oder das Fraktal einer neuen, globalen Perspektive in allen Bereichen an und wird inzwischen weltweit als das entscheidende Charakteristikum der kommenden Entwicklungsepoche begriffen. Siehe dazu insbesondere
www.integralage.org. Der Begriff "integral" bedeutet ursprünglich Vollständigkeit bzw. Heilung im Äußeren wie im Inneren, d.h. er verweist auch auf die Wiederherstellung einer gesunden Umwelt und einer harmonischen Innenwelt als Grundlage aller weiteren sozialen und kulturellen Entwicklungen. Konkret bedeutet das "integrale" vor allem drei im Vergleich zum Bisherigen neue Qualitäten:

1. Objektive Ganzheit: Die Aufhebung der Spaltung von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften (wissenschaftlich betrachtet); von Wirtschaft, Sozialität, Kultur und Ethik (gesellschaftlich betrachtet); von Materie, Leben und Geist (ontologisch betrachtet); von Körper, Psyche und Geist (menschlich betrachtet); von Arbeit, Liebe, Wissen und Ekstase (existenziell betrachtet). Dabei geht es aber nicht um Rückkehr zu einer unbewußt-undifferenzierten, magisch-mythischen Ganzheit, sondern um eine neue Qualität von Evolution, von "Integration durch Differenzierung und Differenzierung durch Integration" aller Bereiche.
2. Subjektivität: Die Ergänzung der in der Modernen vorherrschenden dinglich-materiellen, eindimensional-mentalen bzw. "äußeren" Erkenntnis- und Handlungsweisen durch "subjektive", "innere", d.h. auch nichtdingliche Erfahrungs- und Handlungsweisen wie Intuition, Inspiration, Identität von Objekt und Subjekt (siehe dies bereits in der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation).
3. Intersubjektivität: Das "Zwischen von Ich und Du" als Sinn- und Bewährungsform des Subjektiven. Die Chance und die Notwendigkeit einer Kultur des Dialogs: eines bewußten einander-Ergänzens und einander-Bereicherns von unterschiedlichen Positionen und Traditionen statt des bisher vorherrschenden Einander-Ausschließens, -Anfeindens bzw. -Bekriegens. Oder, um mit dem Dichter Hölderlin zu sprechen: "Daß ein Gespräch wir sind...Die Harmonie der Geister wird der Anfang einer neuen Weltgeschichte sein."

Nähere Ausführungen finden sich im Buch:
Maik Hosang: Der integrale Mensch, Gladenbach 2000.
Das Buch können Sie hier bestellen
Kontakt zum Autor über E-mail: anmaik@gmx.net .


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